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schatten

2005


Hausschlachtung

 

marktplatz-bergstrasse, Fr. 07.09.2005
Reichenbach (mk). „Der Patient Deutschland leidet, und Sie sind nur ein winzig kleiner Teil davon.“ Es muss  operiert werden: Kündigungsschutz, Mitbestimmungsrechte, Eigenheimzulage: alles muss weg, die „verhärtete Subventionsleber“, die Niere, die an Bürokratieablagerungen leidet. Das Skalpell in der Hand führen Ulli Mannel, Dieter Wesemann und Jürgen Müller. Das Ensemble „Kabarettit“ feierte am 6. Oktober (Donnerstag) mit dem achten Programm (H)Ausschlachtung in ihrem angestammten Domizil „Zur Traube“ in Lautertal-Reichenbach rauschende Premiere.
Kaum sind die Wahlen vorbei, wissen sie dass sich der „todernste Zustand“ des Patienten am 18. September, exakt um 18.01 Uhr, als die ersten Prognosen über den Bildschirm flimmerten, eingestellt hat. Diagnose. „Hyperventilation durch übermäßiges Inhalieren von Versprechen im Wahlkampf“. Dazu passt in bester „Kabararettit"-Manier der von den Karat und Peter Maffay abgeleitete Song „Die Lücken im Gebiss sind schön, zu sieben Brücken reicht es nicht, hör auf zu jammern und steh‘ zu deinem Gesicht.“
Genaue Beobachtungsgabe der gesellschaftlichen und politischen Lage, des Zeitgeists, mit dem Ohr am Maul des Volkes, die Gabe zu Wortakrobatik und genialen Wortspielereien, verbunden mit professionellen Fähigkeiten der schauspielerischen Umsetzung zeichnet die in diesem Jahr dreiköpfige Truppe der Neuen Bühne Bensheim aus. Begleitet von Günter Hornung als bewährten "Mann am Klavier" sammelt das Ensemble m voll besetzten Kleinkunsttheater so manchen Szenenapplaus und lang anhaltenden Beifall zwischen den Sketchen.
Neben den drei Protagonisten auf der Bühne tragen Jutta Benz, Manuel Francescon, Uwe von Grumbkow, Renate Kolloch, Beatrix Mannel, Julia Richter und Wolfgang Schweda mit Textbeiträgen und zum Teil erschlagenden Pointen zum Erfolg bei. Sie ziehen in bester Tradition alle Register des nicht nur politischen Nummernkabaretts. Ergötzlich das Solo von Ulli Mannel als Werbetextsprecherin, die eine Laufbahn von der Telefonansage über die Kaufhausdurchsage bis zur Porno-Synchronisationsstimme absolviert hat und schließlich und endlich selbst vor der Kamera steht: „Hmm, das schmeckt lecker.“ In diesem Satz steckt wahnsinnig viel drin, was sie leidenschaftlich auf der Bühne demonstriert, und dabei Lacher auf Lacher erntet.
Es ist die Mischung von Kabarettit, die das (Stamm-) Publikum so sehr fasziniert, die Verkörperung der Rollen. Dieter Wesemann ist der hinergründig-intellektuelle Moderator, Ulli Mannel die Femme fatale, wenn sie als Ex-Managerin in gleicher Sprache ihren neuen Job als Prostituierte ausübt. „Lass uns eine private public partnership auf Leasing-Basis eingehen und ein Joint-Venture als bilaterale Beziehung praktizieren“.
Und Jürgen Müller ist der agile, der flinke, der sich bisweilen dumm Stellende und schlichtweg der Star am Kabarettit-Himmel, wenn er den Wilhelm vom Lautertal verkörpert und verrät, weshalb nicht nur in Dresden, auch in Reichenbach die Wahl wiederholt oder besser gesagt neu angesetzt werden musste. „Lobbyisten gegen Sozialfanatiker“ lautet der Titel im Bereich „aktueller Tagespolitik“ vor und nach der Wahl.
An Überspitzung kaum noch zu überbieten spielt Jürgen Müller einen Neureichen, der drei Patenkinder in Indien „betreibt“ und einem obdachlosen "Hartz-IV-Empfänger“ in seinem Heizungskeller eine Chance zum Neuanfang gibt. Bei der EU-Osterweiterung zur Türkei, in den Kaukasus und über die Beringstraße bis in die USA kalauern sie herrlich in Kostümen und vermeintlich alle Vorurteile bestätigend akzentuiert über die Bühne, so dass buchstäblich kein Auge trocken bleibt.
Was bleibt, ist die Perspektive, in Polen Spargel zu stechen, zuzuhören, wie sich die Experten darüber auslassen, wer im Fernsehduell was besser „rausgelassen“ hat und das Gefühl an einem wunderbar unterhaltsamen Abend in der "Traube"dabei gewesen zu sein.
www.marktplatz-bergstrasse.de

Bersträßer Anzeiger ( Samstag, 8. Oktober 2005, S. 7 )
Patient Deutschland bis auf die Knochen seziert
(..)Das Ausweiden gesellschaftspolitischer Hohlkörper ist die Spezialität des zum Trio geschrumpften Ensembles, das mit seiner “(H)AUSSCHLACHTUNG” gut in der achten Spielzeit angekommen ist.
Mit gewetzten Messern
Mit der personellen Verschlankung auf der Bühne hat sich im “Theater in der Traube” auch ein wenig die kabarettistische Windrichtung gedreht: Die ( gelungenen) parodistisch-komödiantischen Ausflüge werden zu Gunsten eines gehaltvollen Verharrens in der politischen Dreckecke zurückgeschraubt-Kleinkunst im großen Stil mit gewetzten Messern und diebischer Freude am blutigen Sezieren des aktuellen deutschen Gesamtzustandes. Herzliches Spontankabarett, dem man die Leidenschaft für schnelle rethorische Ballwechsel anmerkt. Eine amüsante Nummernrevue im alten Stil.
Die Vorhut mit Ulrike Mannel, Jürgen Müller und Regiseur Dieter Wesemann wird von einem vielköpfigen Kreativteam im Hintergrund gespeist, das den Frontschweinen das nötige Futter liefert: Weder Krampfhaft hartgekocht noch weichgespült servierte Kabarettit bei der Premiere am Donnerstag ein würziges Gulasch von wohlschmeckender Komposition und mit herzhaften Sättigungseinlagen:
Frei nach Francois Villon untermalt Ulrike Mannel als Angela M. ihren Führungsanspruch mit so viel Triebhaftigkeit, dass selbst Klaus Kinski Ansgt bekommen hätte (..) Ohne Mannels variantenreiche Bühnenpräsenz würden der “(H)AUSSCHLACHTUNG” wesentliche Innereien fehlen: Als herrische Europa geht sie auf Osterweiterungs-Tournee und verführt erst die Türken und Mongolen, bevor sie sogar den Amerikanern an der Westfront an den Kragen geht.
Kabarettit bieten  Staatsbürgerkunde durch die Hintertür: Man hört Erstaunliches von rektalen Luftnummern im TV-Duell zwischen Schröder und Merkel, wird von den Segnungen der humangenetischen Regenarationstechniken überzeugt und ist live dabei, wenn sich Besserverdienende mit Behindertenausweis den Mini-Jobber in die Villa holt.: Der Ex-Architetkt haust im funktionalen Garagen-Apertement und wird von seinem neuen Herrchen mit Kaviar, Lachskanappes und wertvollen Solidaritätshäppchen versorgt.
Offene Wunde
Duetschland kränkelt und Kabarettit schnippelt an den offenen Wunden herum, man trällert die Arbeitslosen-Hoffnungshymne ( “Ein Chef wird kommen” ) und den Ein-Euro-Blues ( am Piano Günther Hornung ) .Es geht um die Heilung einer anämischen Nation, die das Trio bis auf die Knochen auseinandernimmt: Erst wenn alle faulen Organe entfernt und der Reformstau ins Fließen gebracht ist, darf der Patient seiner Zukunft entgegenhumpeln. Diagnose: ”Auch mit sieben Krücken kannst Du gehn”.
Gesund und munter flitzt Kabarettit durch die Intensivstation der politischen Gegenwart. Die gelegentlichen dramaturgischen Premierehügelchen werden eiskalt übersprungen und fix ausgebügelt. Applaus. Dieter Wesemann hält die Zügel in der Hand und treibt seine gut impragniert Herde durch die sozialen Schlammlöcher in der heimatlichen Muttererde.(..)
Natürlich darf auch der hauseigene Klassiker nicht fehlen: Jürgen Müllers Bühnenfigur  “ De Wilhelm” ist der dialektsprechende Jogginganzug an sich: Ein fleischgewordeneer Plusquamperfekt, der sich am Wahltag auf die Suche nach der geeigneten Zweitstimme macht und in der Kabine vergeblich nach dem propagierten Wechsel sucht. Angesichts donnernder Jubelstürme sollte sich Müller ernsthaft Gedanken machen, ob er seinem aufgedrehten Alten ( Joooh!) nicht mal eine gesonderte Möglichkeit zum Austoben einräumen sollte. Die gesungene Abrechnung mit der politischen Treulosigkeit Merkels ist eine der knackigsten Produkte der neuen “(H)AUSSCHLACHTUNG”, mit der Kabarettit das Premierenpublikum gefüttert hat. (...)
(..)Auch als Trio liefert die Truppe keine geschmacksarme Wassersuppe, sondern ein ausgekochtes Menü mit marktschreierischen Zutaten, das im Laufe der Spielzeit-wei gewohnt- noch um einiges tagesaktuelle Scharfmacher variiert wird. (tr)

 

 

 

 

 

 

 

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