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schatten

2006


Zu Gast bei Schweinen

 

Der “Bergsträsser Anzeiger”, vom 25. Nov. 2006 schrieb:
Große Politik und kleinwüchsige Rehe auf der Bühne
Kabarettit "Zu Gast bei Schweinen" / Gefeierte Premiere der neunten Spielzeit / Publikum applaudiert parodistischen Highlights
 Reichenbach. Hat eigentlich schon mal jemand Ulrike Mannel gesagt, dass sie nicht nur genauso schön uckermärkisch osteln, sondern - keine Beleidigung - sogar verschärft so gucken kann wie Angela Merkel? Es ist wirklich unglaublich, welch parodistisches Potenzial die kabarettistische Allrounderin an den Tag legt. Ein frenetisch beklatschter Höhepunkt im aktuellen, neunten Programm von Kabarettit, das am Donnerstag eine Prentiere abgeliefert hat, die minütlich an Tempo und Unterhaltungswert zugelegt hat.
Die schwere Erkältung, die Jürgen Müller rechtzeitig zur erstmaligen Aufführung von Zu Gast bei Schweinen" erwischt hat, dür& sich nach über zwei Stunden schweißtreibender Kurzweil von selbst erledigt haben. So flink und ausgelassen hat man das Quartett selten über die Bühne huschen sehen. Die verlängerte Trainingszeit bis Ende November hat gut getan, die minimalen Texthakeleien waren rasch vergessen als sich das wohlige Gefühl eines geschmackvollen Gesamteindrucks einstellte.
Improvisatorische Qualitäten
Wer die Truppe kennt, weiß um deren Spontaneität und improvisatorische Qualitäten, die das Salz in der kabarettistischen Suppe ausmachen. Wie gewohnt frisst sich das Ensemble mit Mannel und Müller, Dieter Wesemann und Hans Frick nicht an regionalen Politsnacks fest, sondern suhlt sich im Schlamm nationaler Aktualitäten und globaler Zeiterscheinungen. Man gibt sich kosmopolitisch multilingual, heimatverbunden und so nah am Puls der andauernden Berliner Koalitionsverhandlungen, dass man jederzeit tödlich zubeißen kann.
"Es gibt Geschichten, die glaubst du nicht", singen die vier alten Hasen, die trotz solistischer Hoppeleien und virtuoser Einzelleistungen nicht das Gleichgewicht verlieren. Auch nicht, wenn Hans Frick als Ulla Schmidt auf die Bühne stöckelt und "mit Stöpsel in der Nase" die Ansicht vertritt, dass die Gesundheitsreform im Allerwertesten steckt und praktische Mehrbettzimmer ohnehin mehr Spaß und kränkelnde Geselligkeit bieten.
Dann rennt plötzlich Müller auf die Bühne, um als Showmaster Steven Eldorado der (wie erwähnt) grandiosen Ulrike Mannel/Merkel das allerletzte Selbstlob aus dem Schädel zu leiern. Als neuste Idee hat die Kanzlerin eine Kindersteuer in petto, während sie den bundesdeutschen Kriegsteilnehmer an sich als berufsbedingten Sparfaktor sieht - wo einer nicht mehr Heim kommt, da kostet's auch nix. Im Kabarettit-Kosmos verdingen sich langzeitarbeitslose Hartz-IV-Empfänger als Bahnkontrolleure und wird die Große Koalition als personifiziertes Neurosenschiff auf die Psychocouch verfrachtet. Diagnose: Komplexbeladene Partner, wenig Orgasmen, zweckehelicher Krampf.
Eine körperbetont pragmatische Einführung in die gesetzlichen Rahmenbedingungen in Sachen Elterngeld moderiert Frick als latzhosig-lustiger Erkläronkel: Wenn zwei arbeitslose Akademiker sich in den Wohlstand kopulieren wollen, so ist das ein "schleimiger und schwerer Weg", bei dem es mit materiell angeheiztem Brutto-Netto-Poppen nicht getan ist. "Das M utterkreuz muss wieder her", trällert das Ensemble.
Man lernt nicht aus in der Reichenbacher "Traube": Kabarettit erklärt das deutsche Fräuleinwunder (schon wieder die Uckermärkerin) und ihre Anziehungskraft auf den gemeinen texanischen GI, der gerne mal massierend handgreiflich wird und sein verarintes Reich mit der stolzen Kanzler-Gattin teilen muss.
Launige Zwischentöne
Der wunderbare Marcel R.-R. (Hans Frick) zappelt sich im Ohrensessel über den literarischen Wert der"Apotheken-Umschau" aus ("Welch semantische Arthrose") und Jürgen Müller marschiert als herrischer Spargel-Adolf Lohnkosten addierend vor deutschen Stechern auf und ab: "Ab 5 Eure 45 wird jetzt zurückgestochen! "
Die launigen Zwischentöne stammen allesamt von Dieter Wesemann, der die Truppe auch als Regisseur ins rechte Licht setzt. Natürlich dürfen auch zwei solistische Klassiker nicht fehlen: Gaby Geishecker (Mannel mit Sektglas) schwadroniert mal wieder über Freundin Rita und Sohn Kevin-Marcel, während sich "de Wilhelm" ("Jooh!") über die Minimalkultur in Gourmet-Restaurants ereifert - das "kleinwüchsige Reh" hat eher nicht geschmeckt. Szenenapplaus für Jürgen Müller, als er als Wilhelm"Mein Weg" ("My Way") anstimmt. Die"Traube" kocht. Zugabe. Schluss.
Zu Gast bei Schweinen" ist es sehr unterhaltsam. Kabarettit schafft den Spagat zwischen tollen Solonummern und spritzigen Mannschaftsleistungen. Für die Musik ist wieder Günter Hornung verantwortlich, die künstlerische Beratung hat Uwe von Grumbkow. Die Texter haben sich mit der Bühnen-Crew ein herbstliches Leckerli serviert, das sich im Laufe der Spielzeit erfahrungsgemäß weiter entwickeln wird. Ulrike Mannels brillante Merkel-Parodie muss aber unbedingt drin bleiben. tr

 

Das Darmstädter Echo schrieb am 30.11.06
Gammelfleisch und arme Schweine
Kabarett Arbeitslosenzahlen, Irak-Krieg, Reichensteuer, Videoüberwachung und Gesundheitsreform: Politik und Alltag bieten die Anlässe im neuen"Kabarett TiT"Programm
VON MICHELE STRAUB
REICHENBACH. "Zu Gast bei Schweinen" sind die Besucher des Reichenbacher Theaters in der Traube (TiT) bei der Premiere der neunten Spielzeit des "Kabarett TiT". Als die Schauspieler die Bühne betreten, beginnen sie erst einmal ein Streitgespräch über den Titel, den sie ihrem Programm gegeben haben: Keiner will's gewesen sein. Schließlich einigen sie sich darauf, dass sie alle "arme Schweine" seien, und legen los.
Bei Jürgen Müller, Hans Frick, Ulrike Mannel und Dieter Wesemann, der auch Regie führt, geht es politisch zu. Aufs Korn genommen werden Arbeitslosenzahlen, IrakKrieg, Reichensteuer, Videoüberwachung ("SchäubleTV: Deutschland sucht den SuperTerroristen") und die Gesundheitsreform ("Zurn Verrücktwerden, bezahlt aber keine Kasse"). Gekonnt näselnd erklärte Hans Frick als Gesundheitsministerin Ulla Schmidt die Vorteile der gesetzlichen Krankenkassen: Mehr-Bett-Zimmer im Krankenhaus machen doch mehr Spaß, erklärt er, und eine Behandlung beim Chefarzt, "den seine Kollegen Gott nennen", sei gar nicht wünschenswert.
Parodistisches Talent zeigt auch Ulrike Mannel als Kanzlerin Angela Merkel. Sie will "Freund George bei einem Überfall auf ein fremdes Land unsere Verteidigungsarmee zur Verfügung stellen". In schönster CowboyManier betritt dann "Schorsch" W. Bush (Jürgen Müller) selbst die Bühne, um seine "Angie" zu ehelichen. Als Paartherapeutin analysiert Ulrike Mannel die große Koalition. Sie bewundert denVerdrängungsmechanismus der Partner und erklärt, warum die CDU in dieser politischen Ehe nur der männliche und die SPD nur der weibliche Part sein könne, Mannels kraftvoll ironisches Loblied auf die Lobby als Meinungsmacher ist nur einer der vielen Songs im Programm, die mit geistreichen Texten auf bekannte Melodien für Stimmung sorgen.
HartzIVKritik zeigt "Kabarett TiT" in Form von Akademikern als Wachpersonal im Regionalzug und als Spargelstecher, die dem militärischen Aufseher (Jürgen Müller wird hier zur HitlerGestalt in BrunoGanzManier) allerdings zu clever sind. Zum neuen Patriotismus nehmen die Schauspieler Stellung mit einem Deutschland-Rap, und zum Thema Gammelfleisch präsentieren sie die madenlastige Initiative "Fleisch muss leben".Hans Frick glänzt als Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki, der das Literarische Quartett allein bestreitet und dabei die "ApothekenUmschau" als Meisterwerk zwischen "Erotik und Verdauung" preist.
Alltagsgeschichten um Ulrik Mannels "Vögelexperten” ("Nicht was Sie jetzt denken" und Müllers Odenwälder Preis ausschreiben-Gewinner im "GourmetTempel" runden das fast dreistündige Programm ab.

 

 

 

 

 

 

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